Ein Morgen am See Genezareth

(nachzulesen im Evangelium nach Lukas, Kapitel 5): Den Fischern steht der Frust ins Gesicht geschrieben. Die ganze Nacht gearbeitet - nichts. Alles umsonst. Zuhause die wartende, hungrige Familie.

Viele kennen dieses Gefühl: Unter großer Anstrengung alles gegeben und doch das, was nötig wäre, nicht erreicht. Die Mutter, die sich rastlos um ihre Familie bemüht, und zwischenmenschlich, atmosphärisch, wird alles nur noch schwieriger. Der junge Ehemann, der sich für den Hausbau aufopfert und auf einmal merkt, dass seine Ehe dabei kaputt geht. Der Arbeitslose, der zwischen AMS-Kursen und Vorstellungsgesprächen pendelt, aber keine zukunftsfähige Anstellung in Sicht hat. Viel Mühe, bis an den Rand der Kräfte… Die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen… Die Netze der Hoffnung leer, das Selbstwertgefühl im Keller.

Simon hatte an diesem Morgen weder Fische noch Geld noch Erfolg - er hatte nur ein Boot. Jesus sagt zu ihm: „Du kommst mit deinem Boot wie gerufen! Wenn sich alle hier am Ufer um mich drängeln, versteht keiner ein Wort. Aber das Wasser trägt den Schall, also fahr mich ein Stück vom Ufer weg, damit ich von dort zu den Menschen sprechen kann.“ 

So mutlos und frustriert wie er war, hätte es gut sein können, dass Simon nur abblockt: „Warum Zeit und Kraft für dich verbrauchen? Ich hab genug mit mir selbst zu tun.“ Aber es kommt anders. Simon stellt sich Jesus zur Verfügung und wird von einer Rand- zu einer Schlüsselfigur. Jetzt konnten alle Jesus sehen und hören. Simon erlebt: Das, was ich habe und kann, ist wichtig. 

Haben Sie sich schon einmal gefragt: Was macht den Charakter unserer Gemeinde aus? Gemeinde im Sinne Jesu heißt für mich zuerst: wertschätzende Gemeinde. Ein Ort, an dem wir spüren: Hier werde ich wahrgenommen, hier bin ich etwas wert, hier werde ich gebraucht.

Nachdem Jesus fertig ist, kümmert er sich um das, was Simon gerade am nötigsten braucht. Er ist ihm als ganzer Mensch wichtig, nicht nur als Helfer. In Simons Augen versteht Jesus nichts von der Fischerei. Aber weil er sich von Jesus ernst genommen fühlt, nimmt er Jesus jetzt auch ernst. Und es passiert, was er sich nicht hätte träumen lassen: Am helllichten Tag werden die Netze übervoll! Sie bekommen reichlich, was bitter nötig war und doch nach eigenem Ermessen unerreichbar.

Genau das geschieht auch heute noch, wo Menschen die Wertschätzung Jesu erfahren: Sie erleben Dinge, die sie sich nicht hätten träumen lassen. Nicht zwingend in Form sensationeller Wunder, sondern indem wir auf das Wort Jesu hin handeln und die Netze dabei voll werden, das Leben gelingt und die Gemeinschaft wächst. Dann kann es geschehen, dass Aussichtslose neue Perspektiven sehen, dass Mutlose sich Dinge zutrauen, die sie für völlig unmöglich gehalten hätten, und dass Menschen einander lieb gewinnen, die sich vorher sehr fremd geworden sind. 

In der Fastenzeit heißt es oft „40 Tage ohne …“ - jetzt nach Ostern kann es heißen „40 Tage mit …“ ich schlage vor „besonderem Augenmerk auf die Wertschätzung für andere“.

 

Mit herzlichem Gruß

Ihr Alexander Hagmüller, Pfr.

 

 

 

Tageslosung

Tageslosung vom 31.05.2020
Pfingstfest
Wehe denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker an den andern rücken, bis kein Raum mehr da ist und ihr allein das Land besitzt!
Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft, wir seien Juden oder Griechen, Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt.